THE MURPHY BEDS: Menschen suchen immer das, was Bestand hat

 In Interviews

Vor ihrem Deutschland-Debüt in Berlins ufaFabrik im Rahmen der Irish Culture Events-Reihe “The Roseville Sessions” sprach das irisch-amerikanische Duo The Murphy Beds mit uns über ihre musikalische Partnerschaft, epische Erzählungen in Songs und ihre aktuellen Projekte.

F: Seit wann spielt ihr zusammen, und was sind die Anfänge eurer musikalischen Partnerschaft?

EAMON: Wir machen seit fast zehn Jahren zusammen Musik. Es fing damit an, dass wir zusammen auf den irischen Sessions in New York spielten. Danach waren wir gemeinsam in einer vierköpfigen Band, und schließlich formierten wir uns zum Duo. Wir stellten fest, dass wir uns beide für das Arrangieren und Interpretieren traditioneller Folksongs interessierten, aber auch beide Songwriter waren und eigene Stücke schrieben.

F: Wo liegen eure musikalischen Wurzeln? Was waren eure ersten Begegnungen mit Musik?

JEFFERSON: In meiner Kindheit spielte meine Mutter Orgel in der Kirche. Wir hatten ein Klavier zu Hause, und sie improvisierte manchmal darauf, oder sang Songs von den Carpenters. Unser Hund kam dann immer rein und schlief ein, wenn sie spielte. Ich selber spielte als erstes Trompete in der Schulband, aber eines Tages bat ich sie, mir ein paar Akkorde auf einer Gitarre mit Nylon-Saiten zu zeigen, die bei uns zu Hause rumlag. An diesem Tag fing ich an Gitarre zu spielen. Da war ich 13.

EAMON: Ich habe in meiner Kindheit in Dublin ziemlich früh angefangen, Gitarre zu spielen. Zunächst ganz allgemein Folk, aber als Jugendlicher habe ich mich dann mehr und mehr auf die traditionelle irische Musik und verwandte Musikstile konzentriert.

F: Lasst uns über euer erstes Album The Murphy Beds and die zehn traditionellen Songs darauf reden. Wie habt ihr sie ausgewählt, und wie seid ihr auf den Namen – der erst ab da auch euer Name als Duo wurde – gekommen?

EAMON: Wir haben beide Songs zu diesem Projekt beigetragen. Einige davon hatten wir jeweils für eine Weile gespielt, aber noch nicht aufgenommen. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Quellen. Einige haben wir von Freunden gelernt, andere aus Büchern oder von alten Aufnahmen. In jedem Fall arbeiteten wir zusammen an den Arrangements und versuchten, sie zu etwas eigenem zu machen. In einigen Fällen hieß das, dass wir Texte und Melodien ändern oder sogar neue Teile komponieren mussten. Die Herkunft des Namens ist in Vergessenheit geraten – keiner erinnert sich mehr an den Ursprung, vermutlich war es irgendein interner Witz… schon seltsam, wie manche Dinge hängen bleiben.

F: Das “Goldene Zeitalter” der irischen Musik im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hatte in der lebendigen und vielfältigen irisch-amerikanischen Szene in New York City einen Mittelpunkt. Dort habt auch ihr euch getroffen. Wie sieht diese Szene heute aus?

EAMON: Sie ist immer noch großartig, Menschen kommen und gehen unablässig. New York ist so ein Ort, an dem viele an irgendeinem Punkt ihres Lebens auf der Durchreise sind. Für uns bedeutet das die Chance, mit allen möglichen Musikern zusammenarbeiten und uns austauschen zu können.

F: Gibt es Unterschiede zwischen der europäischen und der amerikanischen Trad-Szene?

JEFFERSON: Es gibt vermutlich regionale Unterschiede. In verschiedenen Städten oder sogar bei einer spezifischen Session werden immer unterschiedliche Tunes gespielt. Aber ich glaube nicht, dass das so viel mit Europa vs. Amerika zu tun hat. Vor allem in der heutigen Zeit nicht mehr, wo Musik sowieso völlig ortsunabhängig verbreitet und geteilt wird.

EAMON: Schwer zu sagen wo die Unterschiede liegen, aber die Gemeinsamkeiten sind offensichtlich. Zu den großartigsten Dingen an der Trad-Community gehört es, dass man mit Menschen auf der ganzen Welt spielen kann, selbst, wenn man sich zum allerersten Mal begegnet.  

F: Eine Besonderheit eurer Musik, die von Kritikern immer wieder hervorgehoben wird, sind die sorgfältig durchdachten und handwerklich brillianten Arrangements und Harmonien. Wie erarbeitet ihr die?

EAMON: Wir haben festgestellt, dass es sehr hilfreich ist, ein Tonbandgerät mitlaufen zu lassen, wenn wir an Arrangements arbeiten. Manchmal entwickeln sich Ideen aus einer Improvisation heraus, manchmal wissen wir auch, dass ein Song noch etwas bestimmtes braucht und versuchen dann bewusst, etwas zu “komponieren”. Einige der Erzählungen, an denen wir arbeiten, haben eine geradezu epische Tragweite. Es hilft also, ihnen von Zeit zu Zeit auf der musikalischen Ebene etwas Raum zu verschaffen.

JEFFERSON: Ein wichtiger Teil unseres Arrangement-Prozesses ist, dass wir ein Gleichgewicht zwischen den instrumentalen und den Gesangselementen schaffen müssen. Das betrifft vor allem die Texte, weil wir im Allgemeinen mit nackten Versen und einer Melodie anfangen. Man kann dann leicht das Gefühl bekommen, dass Gesang und Worte überhand nehmen, dass alle eine Pause brauchen und es Zeit ist, ein paar Noten zu spielen und die Dinge etwas aufzulockern. Das Problem dabei ist, dass das den Zauber der Erzählung brechen kann. Also versuchen wir zu entscheiden, wann das Stück mehr Melodie braucht. Diese melodischen Teile zu komponieren ist meist eine Frage der Zeit, und ein Prozess von Versuch und Irrtum.

F: Ihr habt beide auch Solo-Projekte und schreibt eigene Songs. Erzählt uns ein bisschen darüber!

EAMON: Mein neuestes Soloalbum heißt “All Souls”. Das sind zehn Titel, die ich mit Jeffersons Hilfe vor ein paar Jahren aufgenommen habe. Ich habe sie noch nicht so oft live gespielt, obwohl Jefferson und ich immer versuchen, Originale in unsere Auftritte zu integrieren. 

JEFFERSON: Und mein neues Album heißt “Alameda”, es ist letztes Jahr erschienen und ein Mix aus elektrischen und akustischen Instrumenten. Einige dieser Songs spielen wir ebenfalls bei den Murphy Beds-Konzerten.

F: Ihr seid beide auch als Dozenten und Workshop-Leiter sehr gefragt. In den letzten zehn Jahren ist das Interesse an traditioneller Instrumentalmusik und traditionellen Songs sehr gestiegen, mehr und mehr Menschen möchten aktiv ein Instrument lernen oder singen. Es ist fast wie ein neues “Goldenes Zeitalter” für die traditionelle Musik. Was denkt ihr, warum sind Menschen von traditioneller Musik, Handwerk oder Geschichtenerzählen so fasziniert?

EAMON: Ich nehme an, dass sich Menschen in unsicheren Zeiten – also praktisch immer – von allem angezogen fühlen, was Bestand hat. Folk und traditionelle Musik erfüllen dieses Bedürfnis.

F: Das Internet hat sich zu einer unverzichtbaren Ressource für das Lernen, Lehren und Entdecken von Musik entwickelt. Die Kehrseite ist, dass Streaming-Plattformen Musik zu etwas universell Verfügbarem machen und es somit schwerer für Künstler wird, mit Aufnahmen Geld zu verdienen. Wie schlecht Spotify und Apple die Künstler bezahlen ist Gegenstand andauernder Debatten und Kritik. Denkt ihr, dass sich das wieder ändern kann? Immerhin ist es journalistischen Medien gelungen, nach über einem Jahrzehnt der Gratis-Inhalte wieder Bezahlschranken zu etablieren.

JEFFERSON: Es ist kaum vorstellbar, dass es ein Zurück gibt. Es gibt ja auch das Argument, dass das Ganze den Interessen der Künstler dient, weil wir durch diese praktisch kostenlosen Dienste ein größeres Publikum erreichen können, das dann zu unseren Live-Auftritten kommt. Ich mache mir darüber nicht allzu viele Gedanken, weil ich das ganze Thema Promotion und zu-Geld-Machen einigermaßen deprimierend finde. Meine Augen werden glasig, und ich muss den Laptop ausmachen. 

EAMON: Ich frage mich…

F: Gebt uns einen Ausblick auf die Zukunft! Was steht für die Murphy Beds und euch als Solo-Künstler als nächstes an?

EAMON: Die Beds haben in letzter Zeit einige neue Songs aufgenommen, und wir freuen uns darauf, die der Welt zu präsentieren. Einige davon sind Songs, die wir live schon eine ganze Weile spielen, aber bei einigen liegen die Anfänge auch im Studio. Oftmals verändert es einen Song, wenn man ihn mit einem Publikum teilt. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur “fertigen” Aufnahme.

JEFFERSON: Ja, man muss die “Schrumpffolie” abziehen, und dann wird es ein Bestandteil des Repertoires. Die erste Murphy Beds-Aufnahme entstand noch bevor wir besonders viel zusammen gespielt hatten. In gewisser Weise kam bei uns das Album vor der Band. Dieses Mal sind die Voraussetzungen anders. Wir hoffen, dass da immer noch einige magische Momente drin sind.

Das deutschlandweit erste Konzert der Murphy Beds am 18. Mai 2019 ist eine Co-Produktion von Irish Culture Events und der ufaFabrik Berlin mit freundlicher Unterstützung von Culture Ireland und der Irischen Botschaft Berlin. Tickets Hier

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